Persönlichkeiten
Hans Riefenstahl - ist einer von uns
Als Hans Riefenstahl im November 1911 in der Ilsenburger Hochofenstrasse das Licht der Welt erblickte, waren die politischen Weichen, die auch sein Leben bestimmen sollten, längst gestellt.
Der kleine Hans zog mit seinem Vater dem Tischler Hermann Hans Riefenstahl, und seiner Mutter Minna, geborene Reich, auf den Buchberg, wo sein Vater ein sehr schönes Fachwerkhaus gebaut hatte. Hier verlebte er eine unbekümmerte Kindheit.
Nach dem Besuch der Mittelschule kam er in die Schlosserlehre in der Maschinenfabrik der Fürsst-Stolberg-Hütte.
Hierauf folgte eine weniger gute Zeit - die Arbeitslosigkeit der Rezession erfasste auch ihn. Dies nahm Hans Riefenstahl zum Anlass, für fünf Semester ein Studium am Technikum in Wolfenbüttel aufzunehmen. 1933 durfte er sich Maschinenbauingenieur nennen.
Bei aller Tüchtigkeit - musste er sich wieder auf dem Arbeitsamt das Stempelgeld abholen. Doch als echtes Ilsenburger Kind ließ er sich nicht entmutigen und nahm eine Arbeit als Forsthilfskraft an.
Das Jahr 1935 brachte ihm endlich eine feste Anstellung als Konstrukteur in einem Braunschweiger Betrieb. Dann wechselte er ins Magdeburger Armaturenwerk, 1938 aber zog es ihn wieder nach Ilsenburg und in die Harzberge. Er erhielt eine Anstellung im Kupferwerk. Hier arbeitete er bis 1947 - mit einer Unterbrechung, denn 1944 rief auch ihn die Wehrmacht zum vermeindlichen Endsieg. Das furchtbare Ende hat Hans Riefenstahl gesund überstanden.
In den folgenden Jahren verdiente er sein Geld als Betriebsingenieur im Sperrholzwerk und ab 1950 fand er bis zu seiner Pensionierung seinen Platz als leitender Mitarbeiter im Elektromotorenwerk Wernigerode.
Hans Riefenstahls Leben war wesentlichvom Sport geprägt. Er gehörte dem MTV "Frisch auf" an. Dort war er Vorsitzender, Oberturnwart und Übungsleiter für Kinder- und Frauenturnen. Geräteturnen, Gymnastik, Skilaufen, Schwimmen und Leichtathletik, das war seine Sportwelt, wobei es ihm mehr ums Dabeisein ging als um den Sieg.
Hans Riefenstahl brachte sich in den Sport als Teil des Ganzen ein. Sein Lieblingsdichter Friedrich Schiller nannte dieses Verhalten "Pflicht für jeden. Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an."
Als 1945 die bürgerlichen Vereine aufgelöst waren und neue Maßstäbe im Sport galten, entsprach das nicht mehr der Auffassung von Hans Riefenstahl. Höchstleistungen anzustreben, zu glänzen und sich selbst darzustellen, das gefiel ihm nicht.
Mit seinen Freunden von der Sektion Wintersport baute er noch die Skihütte am Brockenbett wieder mit auf, die im Krieg zerstört worden war, und 1950 zog er sich vom Sport zurück.
Entscheidend für Hans Riefenstahl war eine Begegnung mit dem Heimatforscher Otto Asmuß, als dieser ihn bat, bei der Suche nach der Burg auf dem Ilsestein mitzuwirken. Zuerst blieb die Suche erfolglos, doch bei Erkundungen der Südflanke des mächtigen Felsens fand Hans Riefenstahl mit seinen beiden Söhnen Rogen- und Kalksteine, die geologisch hier nicht anstehen. Das ermutigte zum Weitersuchen. Hinzugezogen wurden nun der Burgenforscher Hermann Wäscher aus Halle und der hochgeachtete Lehrer Ernst Pörner. 1955 kam die Erlösung: Am 2. November konnte mit Hilfe eines Suchgrabens der endgültige Beweis für die einstige Existenz der Burg auf dem Ilsestein angetreten werden.
Durch die Beschäftigung mit dieser Grabung auf dem Ilsestein, die Otto Asmuß leitete, war Hans Riefenstahl in der Lage, einen genauen Bericht über die Ergebnisse zu verfassen. Und als der Grabungsleiter durch Erkrankung ausfiel, übernahm er die Leitung der Grabung bis hin zur Sicherung der Reste der Ruine.
Dieses Ergebnis war für Hans Riefenstahl der Einstieg in die Suche nach Literaturquellen über die Burg auf dem Felsen und die Geschichte seines Umfeldes. Archivforschung war nun ein ganz neues Aufgabengebiet für ihn, das ihn viele Jahre beschäftigte.
Im Ergebnis entstanden zahlreiche Aufsätze und Broschüren, in denen der Heimatforscher sein Wissen weiterreichte. Bei soviel Fachkompetenz lag auch die Autorenschaft für wertvolle Bücher nicht fern. Die beiden Bände "Ilsenburg in alten Ansichten" und "Ilsenburg und Umgebung in alten Ansichten" stellte er in Wort und Bild zusammen, und zum Jahrtausendbuch trug er maßgebliche historische Beiträge zusammen.
Erfolge und Mißerfolge halten sich im Leben oft die Waage. Für Hans Riefenstahl bedeutete die Errichtung des Sperrgebietes, dass er seine Forschung im Brockengebiet und über die Wege im Harz nicht weiterführen konnte.
Zu seinen persönlichen Erfolgen zählt Hans Riefenstahl neben der Entdeckung der Burg auf dem Ilsestein die fast vollständige Ermittlung der Ilsenburger Bürgermeister und Geschworenen, die zwischen 1580 und 1736 halbjährlich wechselten, sowie die Ermittlung der Hüttenfaktoren und der Hüttenpächter. Mit all diesen Leistungen erweist sich Hans Riefenstahl seiner Vorbilder würdig, die ihm Richtung und Gepräge gaben: Rektor Karl Lehmann, Lehrer Ernst Pörner und Otto Asmuß.
Hans Riefenstahl ist ein Sehender, einer, der sein Wissen weitergibt, der aber auch seine Grenzen zugeben kann. Die Weiterführung seiner Forschertätigkeit durch uns, das ist sein großer Wusch.
Im Jahre 2002 wurde Hans Riefenstahl Ehrbürger der Stadt Ilsenburg.
(von Werner Haberland, Laudatio zur Verleihung des Ellerpreises 1995)
